Prof. Heinrich Magirius zur Waldschlößchenbrücke

Es gereicht den Dresdnern zur Ehre, daß so lange gegen den Bau dieser Brücke Sturm gelaufen wird.

Es handelt sich hier - anders als in anderen Städten - um eine hoch sensible Situation. An einem sanften Bogen des Flusses stehen der Talaue Hänge gegenüber, die elbabwärts den Blick auf die Innenstadt, elbaufwärts auf ansteigend bergiges Gelände frei lassen. Der berühmte Waldschlößchen-Blick ist einer der wenigen, der die einzigartige Lage der Stadt in der Landschaft zu erfassen gestattet. Sie ist von großzügiger Weite einerseits und maßvoller Überschaubarkeit andererseits geprägt.

Ihre Mitte ist wieder von der Kuppel der Frauenkirche gekennzeichnet, für deren Wiedererstehen sich Menschen in aller Welt eingesetzt haben. Die Frauenkirche ist immer wieder als "Herz und Seele" der Stadt Dresden gezeichnet worden. Was die "Steinerne Glocke" zum Schwingen bringt, ist die Weite der Elblandschaft. Herz und Seele brauchen Raum. Den Dresdnern ist die landschaftliche Situation, in die die historischen Bauten hineinkomponiert worden sind, geschenkt worden. Viele Generationen haben dieses Geschenk zu nutzen gewußt. Selbst dem traditionsfeindlichen 20. Jahrhundert mit seinen Zerstörungen und absichtsvollen Verfremdungen ist es nicht gelungen, den Klang der Stadtkomposition ganz und gar zum Verstummen zu bringen.

Um so unverständlicher, daß gerade zu dem Zeitpunkt ein Brückenprojekt zu verwirklichen gesucht wird, in dem Dresden mit der Frauenkirche seine "Krone" zurückerhält. Jede andere Möglichkeit, die Verkehrsverhältnisse zu verbessern, jede andere Stelle der Elbüberquerung wäre eher zu akzeptieren.

Mehr und mehr wird erkannt, daß der unsere Zeit bewegende Umweltgedanke nicht nur naturwissenschaftlich-technische Facetten besitzt, sondern auch kulturelle. Steht selbst die Nützlichkeit des Brückenbauwerks infrage, ist zweifellos die Brücke für das kulturelle Image, daß die Stadt vor aller Welt zu pflegen hat, unheilvoll. Der "Stadt Bestes" muß auch in Zeiten eingefordert werden, die das Gute auf angeblich unbezweifelbare technische Daten reduziert sehen.

Prof. Heinrich Magirius, sächsischer Landeskonservator a. D.


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