10. Juli 2006
Die Welt - Leitartikel Unesco-Welterbe
Von Dankwart Guratzsch
Deutschland vor dem Weltgericht der Kulturhüter - das ist das Thema der Welterbekommission der Unesco, die heute im litauischen Vilnius zusammentritt. Köln, das Rheintal mit dem Loreleyfelsen, die Wartburg und das Dresdner Elbtal sind zu Streitfällen der Völkergemeinschaft geworden. Vier Mal geht es um den Umgebungsschutz der Kulturdenkmäler und das landschaftliche Erbe. Und die Frage stellt sich: Haben die Deutschen jeden Respekt vor den Kulturgütern Landschaft und Stadtgestalt verloren?
Präzedenzfall ist ein Bauprojekt in Dresden: die Waldschlößchenbrücke, die das erst 2004 zum Erbe der Menschheit erklärte Elbtal durchschneiden soll. Das Vorhaben hat eine beispiellose Vorgeschichte. Seit mehr als hundert Jahren geplant, kam der Bau doch nie zustande. Nach der Wiedervereinigung sorgfältig vorbereitet, unter dem Druck der sächsischen Landesregierung von der Mehrheit des Dresdner Stadtrats beschlossen, durch einen Architektenwettbewerb qualifiziert und einen Bürgerentscheid abgesichert, schien dem Projekt vor einem Jahr nichts mehr im Weg zu stehen. Inzwischen freilich gehört es zu den umstrittensten in der Geschichte der Welterbestätten überhaupt.
Noch nie ist ein städtisches Bauvorhaben in Deutschland aus Gründen der Ästhetik auf so breite überregionale Ablehnung gestoßen. Ein von der Stadt selbst in Auftrag gegebenes Gutachten der Technischen Hochschule Aachen befand: Die Brücke schädigt das Weltkulturerbe Dresdner Elbtal irreversibel. 300 prominente Berliner Wissenschaftler, Politiker, Stadtplaner und Architekten vereinigten sich in einem Appell, der "nationalen Kulturverpflichtung zur Wahrung dieses Weltkulturerbes einen höheren Rang einzuräumen als den rein wirtschaftlichen". 150 Münchner Persönlichkeiten schlossen sich an und erklärten, der Schaden durch die Brückentrasse "quer durch den schönsten Elbbogen" könne in keinem Verhältnis zu den Verkehrsvorteilen stehen. Die sonst "neutrale" Bundesarchitektenkammer kritisierte den prämierten Entwurf als "dramatisch schlecht". Die Sächsische Akademie der Künste warnte vor einem "schweren städtebaulichen und kulturellen Fehler".
Nicht einmal der andere Streitfall aus jüngster Zeit, die "Einmauerung" des Kölner Doms durch Hochhäuser, hat eine ähnlich massive Reaktion ausgelöst. Wie konnte sie ausgerechnet Dresden, die ob ihrer Kunstliebe und ihres Schönheitskults bewunderte Stadt, in die Schlagzeilen bringen? Tatsächlich sind bisher alle Verantwortungsträger in "Elbflorenz" seit den Zeiten des letzten Königs immer wieder davor zurückgeschreckt, die Landschaft an dieser gerühmten und empfindlichen Stelle zu verbauen. Maler und Dichter seit der Romantik haben den Ort, an dem die Elbe in weitem Bogen Kurs auf die Türme der Stadt nimmt, in Gemälden, Gedichten und Briefen verherrlicht. Selbst der für Naturschwärmerei nicht überm äßig begabte Schiller jubelte über die "himmlischste Gegend".
200 Jahre später soll die Elbtalaue genau hier mit einer für 50 000 Fahrzeuge am Tag ausgelegten, autobahnähnlichen Brücke überbaut werden. Die Stadt wirft der Unesco vor, die Pläne gekannt zu haben, bevor der Antrag auf Aufnahme des Elbtals ins Weltkulturerbe gestellt worden sei. Aber darum geht es längst nicht mehr. Die vehemente Ablehnung des Projekts durch Wissenschaftler, Künstler und Planer, deren Unterschriftenlisten sich wie ein "Who is Who" des kunstsinnigen und kulturbewußten deutschen Establishments lesen, desavouiert das Projekt auf nicht wieder gut zu machende Weise. Dabei erweist sich die Argumentation der Stadt für die mit 157 Millionen Euro teuerste Stadtbrücke Deutschlands als wenig überzeugend. Der Pkw-Strom hat nach dem Autobahnbau so abgenommen, daß die Brücke kaum noch als "verkehrsnotwendig" eingestuft werden kann. Hinzu kommt der Vorwurf der sinnwidrigen Verwendung von Fördermitteln. Für dieselbe Summe könnten elf Brücken an weniger empfindlicher Stelle im Dresdner Stadtraum errichtet werden.
Für die Unesco spitzt sich der Streit zum Modellfall zu, der über ihre künftige Rolle in Konflikten dieser Art entscheidet. Noch bei keiner früheren Entscheidung war sie sich so hoher öffentlicher Aufmerksamkeit sicher. Noch nie war aber auch die Gefahr des Ansehensverlustes für die Weltkulturorganisation so groß. Seit Wochen bearbeiten "Lobbyisten" der Stadt die Mitglieder des Pariser Büros der Kommission, Dresden nicht auf die "rote Liste" der bedrohten Welterbestätten zu setzen. Auch nach Litauen reisen sie in Mannschaftsstärke an. Der massive politische Druck zeigt an, daß es um mehr als um ein von Anfang an fragwürdiges Bauvorhaben geht. In Vilnius entscheidet sich, was Weltkulturerbe noch gilt.
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