September 2006

DRESDNER Kulturmagazin

Bedenkenträger

Was für ein schönes, man möchte fast sagen, typisch deutsches Wort. Oft in einem Atemzug mit Besserwissern oder Ewig Gestrigen gedacht, also überwiegend negativ besetzt. Jeder Streit, in dem beide Seiten nicht mehr mit Argumenten zu überzeugen sind, scheint aussichtslos. Stellvertretend sei hier an die Beichte des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass erinnert, der sich spät, ja zu spät, wie Bedenkenträger finden, an seine Jugendzeit bei der Waffen-SS erinnerte. Doch was bei der nun »beschädigten« moralischen Instanz der Republik noch aufgrund seines mutmaßlichen Abwesenheit einer Schuld, seines Alters und seiner Verdienste, beispielsweise beim Zustandekommen eines polnisch-deutschen Dialogs, nachgesehen werden kann, verursacht bei einem anderen Nobelpreisträger schon eher Bauchschmerzen. Günter Blobel warf in einem Interview zum mehr denn je umstrittenen, vom Stadtrat aufgeschobenen und vom Regierungspräsidium angewiesenen Bau der Waldschlösschenbrücke mit den DNN die Frage auf: »Will man tatsächlich gemeinsam mit den Taliban genannt werden, die die Buddha-Statuen und damit Welterbe zerstört haben«? Der Vergleich hinkt gewaltig, doch sagt er einiges darüber aus, wie verbittert der Streit über eine Elbquerung im Dresden dieser Tage geführt wird. Jungspund Jan Mücke, 2005 rasant aufgestiegen zum parlamentarischen Geschäftführer der FDP-Fraktion im Bundestag, behauptet gewohnt polarisierend: »Die Dresdner haben die Brückenfrage abschließend entschieden« und die UNESCU sei schlicht undemokratisch, weil sie den Bürgerentscheid pro Brücke nicht akzeptiere. Dabei hätte die Welterbekommission, rechtlich gesehen, sowie der Stadt Dresden nichts zu sagen. Im Notfall würde er sich eben mit dem Titel »Welterbe der Herzen« begnügen, für den er schon fleißig T-Shirts bedrucken ließ. Das nenn ich wirklich provinziellen Kleingeist, der da aus Jan Mücke spricht. Der Streit ist an einem Punkt angelangt, an dem viele Dresdner nur noch abwinken und sich lieber für Tunnel oder notfalls auch Fußgängerbrücke entscheiden, als sich ins Kreuzfeuer zu begeben. Dabei ist die Frage eines anonymen »Bedenkenträgers« durchaus bedenkenswert: Wozu brauchen wir überhaupt eine neue Brücke? Gute Frage.

Heinz K.

Ausgabe September 2006
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